HAWKEYE
Wenn der Müllwagen sehen lernt
Viele Innovationen beginnen nicht mit einer neuen Technologie, sondern mit einer unbequemen Frage: Wie lässt sich die Qualität von Biomüll objektiv beurteilen, noch bevor er in der Verwertungsanlage ankommt?
Bei Brantner wurde die Qualität des gesammelten Biomülls lange anhand persönlicher Erfahrung eingeschätzt. Das funktionierte grundsätzlich, war aber subjektiv und lieferte kaum belastbare Daten. Gleichzeitig beeinflussen Kunststoff, Metall, Glas und andere Fremdstoffe wesentlich, ob aus Biomüll hochwertiger Kompost entstehen kann oder eine aufwendige Nachsortierung notwendig wird.
Aus dieser Herausforderung entstand Hawkeye.
Vom einfachen Prototypen zur KI-Lösung
Gemeinsam mit dem Physiker René Heinzl und einem engagierten Team entwickelte ich in wenigen Wochen einen ersten funktionsfähigen Prototypen. Eine Smartphone-Kamera wurde mithilfe einer 3D-gedruckten Halterung direkt am Sammelfahrzeug montiert. So konnten wir Bilder während der Entleerung erfassen und erstmals unter realen Bedingungen testen, ob künstliche Intelligenz Fremdstoffe im Biomüll zuverlässig erkennen kann.
Aus diesem pragmatischen Versuchsaufbau entwickelte sich eine professionelle Lösung: Eine Kamera dokumentiert den Entleerungsvorgang, während ein neuronales Netzwerk das Material innerhalb von Sekundenbruchteilen analysiert. Zum damaligen Entwicklungsstand konnte Hawkeye 32 unterschiedliche Arten von Fremdstoffen erkennen und die Qualität des Biomülls nach einem Schulnotensystem von eins bis fünf bewerten.
Damit wurde aus einer subjektiven Einschätzung eine objektive und nachvollziehbare Datengrundlage.
Künstliche Intelligenz unter realen Bedingungen
Die eigentliche Herausforderung lag nicht nur im KI-Modell. Das System musste auf einem fahrenden Müllsammelfahrzeug zuverlässig funktionieren – bei Staub, Schmutz, Feuchtigkeit, wechselnden Lichtverhältnissen und sehr unterschiedlichen Abfallmengen.
Dafür waren neben der Bilderkennung auch robuste Hardware, funktionierende Datenverbindungen, Datenpipelines, Backend-Systeme und eine verständliche Darstellung der Ergebnisse erforderlich. Technologie, Fahrzeugbetrieb und Entsorgungsprozesse mussten als Gesamtsystem zusammenspielen.
Hawkeye zeigte dadurch sehr konkret, was Digitalisierung leisten kann: Sie macht einen bisher schwer messbaren Vorgang transparent und schafft Informationen, mit denen operative Entscheidungen verbessert werden können.
Von der Entwicklung zur unternehmerischen Verantwortung
Mit der Gründung der Brantner Digital Solutions übernahm ich als Geschäftsführer neben der weiteren Produktentwicklung auch die Verantwortung für Marketing und Vertrieb.
Meine Aufgabe bestand damit nicht mehr ausschließlich darin, eine technische Idee umzusetzen. Hawkeye musste zu einem verständlichen Produkt mit erkennbarem Kundennutzen weiterentwickelt werden. Dazu gehörten eine klare Positionierung, die Übersetzung komplexer Technologie in nachvollziehbare Anwendungsfälle, die Präsentation bei Kunden und Veranstaltungen sowie der Aufbau von Pilotprojekten und Partnerschaften.
Gerade bei innovativen Produkten ist dieser Übergang entscheidend: Eine technisch funktionierende Lösung ist noch kein erfolgreiches Produkt. Erst wenn Anwender den Nutzen verstehen, Vertrauen aufbauen und die Lösung in bestehende Abläufe integrieren können, entsteht tatsächliche Innovation.
Innovation bedeutet auch Überzeugungsarbeit
Hawkeye war deshalb für mich weit mehr als ein KI-Projekt. Es war eine intensive Erfahrung darin, wie Innovationsmanagement in einem großen, operativ geprägten Unternehmen funktioniert.
Neue Ideen treffen dort auf bestehende Strukturen, unterschiedliche Interessen, operative Prioritäten und manchmal auch auf ausgeprägtes Silodenken. Umso wichtiger waren kontinuierliche Kommunikation, sichtbare Ergebnisse und die Fähigkeit, technische Teams, operative Mitarbeiter, Management und Kunden für eine gemeinsame Vision zu gewinnen.
Der Weg vom ersten Prototypen zum marktfähigen Produkt erforderte Beharrlichkeit, Übersetzungsarbeit und die Bereitschaft, Annahmen immer wieder direkt in der Praxis zu überprüfen.
Extern ausgezeichnet
Die Innovationskraft von Hawkeye wurde auch außerhalb des Unternehmens wahrgenommen. Das Projekt erhielt 2021 den Iceberg Innovation Leadership Award und gewann 2022 den Digital Impuls Award in der Kategorie „Innovation“.
Diese Auszeichnungen waren nicht nur eine Bestätigung für das Projektteam. Sie halfen auch dabei, das Thema künstliche Intelligenz innerhalb und außerhalb des Unternehmens greifbarer zu machen und zusätzliche Aufmerksamkeit für digitale Lösungen in der Kreislaufwirtschaft zu schaffen.
Hawkeye hat mir gezeigt, dass erfolgreiche Innovation selten aus einem perfekten Plan entsteht. Sie beginnt mit einem echten Problem, einem mutigen ersten Prototypen und einem Team, das bereit ist, aus einer Idee Schritt für Schritt ein funktionierendes Produkt zu machen.
